Reisen

Eine Studienreise nach Friaul / Julisch-Venetien

Ende September hatte das lange Warten ein Ende: Endlich reisen wir nach Italien! Diesmal sollte es in den Nordosten des Stiefels gehen, einen Landesteil, den viele von uns noch nicht gesehen hatten.

Nach der Ankunft am Flughafen Venedig brachte uns der Bus nach Udine, wo wir für die ersten fünf Tage unser Quartier aufschlugen. Schon die Fahrt hierher hatte uns der Regen begleitet, und so ging es leider auch bei der Stadtrundfahrt weiter. Unverändert er ging es uns am Vormittag des folgenden Tages in Triest weiter, aber dann brach die Sonne durch, sodass wir auf eigene Faust einen schönen Nachmittag dort verbrachten.

Der dritte Tag war ganz einer Bootsfahrt in der Laguna di Marano e Grado gewidmet. Nach einem Abstecher nach Lignano fuhren wir zu einer Fischerhütte, wo wir nicht nur köstlich bewirtet, sondern auch mit Trompetenklang empfangen wurden. Als „Nachtisch“ wurden Lieder auf Gitarre und Akkordeon vorgetragen.

Unsere nächsten Erkundungen führten uns zuerst nach Gorizia, einer Stadt, die in diesem Jahr einer der Kulturhauptstädte Europas ist – zusammen mit Nova Goriza, der Nachbarstadt in Slowenien. Unser Reiseführer Bernardo erläuterte uns anschaulich das Gemisch der Völker und Kulturen in dieser Grenzregion, die geprägt ist von österreichischen, italienischen und slawischen Einflüssen.

Palmanova wurde aufgrund seiner Architektur – eine Festungsanlage in Form eines neunzackigen Sterns – 2017 von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen. Die Anlage ist zum Teil gut erhalten und bietet auch einen Überblick über die gesamte Stadt.

Auch die beiden Städte, die wir am folgenden Tag besichtigten, stehen im Zeichen des Weltkulturerbes. Aquleia, eine alte römische Stadt, verfügt über eine romanische Basilika, unter deren Fußboden vor einigen Jahren ein antikes Mosaik gefunden wurde. Es füllt die gesamte Fläche der Kirche aus und ist fast vollständig erhalten.

Cividale del Friuli begeistert sowohl durch den Dom mit seinem Domschatz als auch durch seine Lage am Fluss Natisone, über den sich malerisch eine alte Brücke spannt.

An diesem Tag geht es noch einmal in den Süden der Region: Auf dem Programm stehen das Schloss Miramar und das Schloss Duino. Beide konnten wir besichtigen, aber auch die Umgebung in einem Park und und die Aussicht auf das Meer auf einer Wanderung auf dem berühmten Rilke-Weg genießen.

Anschließend ging es zu unserem zweiten Standort Pordenone. Die Stadt ist zwar längst nicht so bekannt wie Triest und Udine, bietet aber viele schöne Ecken und fällt durch seine zahlreichen Buchhandlungen auf. Der bekanntest Sohn der Stadt ist Giovanni Antonio de Sacchis, auch bekannt als il Pordenone.

Auch an diesem Ort wurden wir reichlichst bewirtet, und der eine oder andere musste nach dem Essen seinen Gürtel etwas lockern. Zum Glück gab es vor und nach dem Essen einen kleinen Spaziergang über den Fluss Noncello an den Stadtrand …

Spilimbergo ist die Stadt des Mosaiks bzw. einer Mosaikschule, die Schüler aus aller Welt anzieht. In den Räumen und Gängen der Ausbildungsstätte werden Werke der angehenden Künstler aus deren drei Ausbildungjahren ausgestellt. So konnten wir verfolgen, wie die Arbeiten immer feiner und komplizierter werden.

Nach so viel immaterieller Kultur durfte auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen. In Daniele verkosteten wir den dort hergestellten Schinken. Die Tatsache, dass ein Großteil der Schweine in anderen Ländern gezüchtet und in San Daniele „nur“ verarbeitet werden, tat dem Genuss keinen Abbruch.

Treviso gehört zwar nicht nach Julisch-Venetien, sondern ins Veneto. Da die Stadt aber recht nah an Pordenone liegt und auf jeden Fall einen Besuch wert ist, ließen wir uns hier durch die Straßen führen. Bei strahlendem Wetter schlenderten wir durch die Gassen, am Fischmarkt vorbei und zum Dom.

Zum krönenden Abschluss der Reise besuchten wir eine Prosecco-Herstellung in Conegliano, bei der selbstverständlich eine Verköstigung verschiedener Sorten nicht fehlen durfte. Auf der Rückreise nach Pordenone führte uns der Bus durch das malerische julisch-friaulische Alpenvorland.

Damit sind wir am Ende der Reise angekommen. Die letzten Stunden bis zum Abflug genossen wir mit einem Spaziergang im Grünen, einem Espresso oder ließen uns von den Angeboten einer der berühmtesten Pistaccerien Italiens verführen (oder machten alles).

(c) aller Fotos: J. Adam


Das Deutsche Kulturinstitut Prato SI-PO (steht im pratesichen Dialekt für „Yes, we can“) hat mit der VDIG in der toskanischen 190.000-Einwohner-Stadt vom 21. bis 23. Juni dieses Jahres die deutsch-italienische Kulturbörse veranstaltet, die im Zweijahresrhythmus abwechselnd in Deutschland und Italien durchgeführt wird. Prato war die 17. Station.

Vorab: Die Veranstaltung war hervorragend organisiert. Die Präsidentin der SI-PO, Britta von Websky, und Geschäftsführer Peter Schmitz haben mit einem Team aus ehrenamtlichen Helfern und italienischen und deutschen Praktikanten ein interessantes und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen viele Gelegenheiten zum persönlichen Austausch geboten. Nach Prato waren rund 120 Mitglieder deutsch-italienischer Gesellschaften gekommen, vorwiegend aus dem nordwestdeutschen Raum. Ich habe als Schatzmeisterin die DIG Bielefeld vertreten.

Die Veranstaltung hatte das Leitmotiv „Pinocchio“. SI-PO nennt zwei Gründe dafür: „Erstens ist die Figur des toskanischen Pinocchio auf der ganzen Welt bekannt und nicht nur eine Erzählung für Kinder, zweitens schließt sich die Kultur- und Bildungseinrichtung gerne der Schlussaussage des Buches von Carlo Collodi an: ‚Auch ein Holzkopf kann es schaffen.‘ Holzkopf? Von wegen! Auf die SI-PO bezogen, ist das eine maßlose Untertreibung. Websky, Schmitz & Co. haben Beispielhaftes geleistet!

Eine Ausstellung mit Arbeiten deutscher und italienischer Künstler und Künstlerinnen zum Thema Pinocchio bildete den offiziellen Auftakt der Kulturbörse. Ort des Geschehens war der Sala Biagi der Provinz Prato im Zentrum der Stadt. Es gab höchst bemerkenswerte Arbeiten, oft mit einem Augenzwinkern und einem Schuss Ironie. Die neu gewählte Bürgermeisterin Pratos, Ilaria Bugetti, hieß die Teilnehmer der Kulturbörse herzlich in Ihrer Stadt willkommen. Der persönliche Kontakt über die Grenzen hinweg sei die Basis für eine erfolgreiche Entwicklung Europas, sagte die Bürgermeisterin. „Ich freue mich, dass Prato und die SI-Po ihren Teil dazu beitragen können.“ Auf die „überragende Bedeutung“ ganz konkreter Begegnungen verwies die Deutsche Generalkonsulin Susanne Welter, die eigens für die Kulturbörse aus Mailand angereist war.

Zum Ausklang des Abends gab es in der Chiesa San Francesco in Zusammenarbeit mit UNICEF ein Benefiz-Konzert mit einem Jugendchor, dem Coralchor San Franzesco und dem Organisten Matteo Venturi von der Organo della Pace in Sant’ Anna di Stazzema, der mit seiner Interpretation der Passacaglia von Johann Sebastian Bach begeisterte.

Beim Festakt am Samstagvormittag im Theater Garibaldi überreichte die Vorsitzende der VDIG, Rita Marcon, den diesjährigen Premio Culturale an Alessandra Ballesi-Hansen, Gründerin und Verlegerin des Nonsolo-Verlags Freiburg, die sich sehr um die zeitgenössische italienische Literatur verdient macht. Die unprätentiöse Veranstaltung erhielt durch die Darbietungen des Pianisten Paolo Fissi und der Flötistin Giulia Giannini (Filmmusik aus Le avventure di Pinocchio) und einer bezaubernden Pinocchio-Pantomime der prateser Schauspielerin Maila Ermini eine beschwingt-italienische Note.

Und dann brach die Gruppe zu einem Bus-Ausflug zum Pinocchio-Park und der Villa Collodi mit einem herrlichen Park im 40 Kilometer entfernten Örtchen Collodi auf. Davon haben wir indes wenig gesehen. Unmittelbar nach Ankunft um 13 Uhr nämlich pranzo, Mittagessen. Und das ist in Italien bekanntermaßen das Gegenteil von einem schnellen Imbiss. 150 „Kulturbörsianer“ mit ihren Gastgebern an langen Tischen in der Osteria des Parks erfreuten sich an einem köstlichen Menü: Antipasti misti mit prosciutto di Parma, salame di cinghiale, in Olivenöl eingelegte Zucchini und Paprika, dazu knuspriges Weißbrot; Spaghetti al pomodoro, Maccheroni mit pasta Genovese, sizilianisches Gebäck. Der Espresso wurde gegen 16 Uhr gereicht – nach drei erfüllenden Stunden mit kulinarischen Genüssen und immer temperamentvoller werdenden Gesprächen.

Der Sonntag stand im Zeichen der Ideenbörse im Kreuzgang des Klosters San Domenico, auf der sich unter anderen das Goethe-Institut, verschiedene Jugendaustauschprojekte sowie Verlage präsentierten. Zum Thema Erinnerungskultur referierte in einem Workshop Maren Westermann (DIG Essen) über das von ihr und ihrem Ehemann initiierte Versöhnungsprojekt „Organo della Pace“ nach den Gräueltaten der SS im Zweiten Weltkrieg in Sant’Anna di Stazzema. Im Frühjahr wird Frau Westermann das Projekt in einer Veranstaltung der DIG Bielefeld vorstellen.

Zu den Teilnehmern der Kulturbörse zählte auch unser Mitglied Anne Ehrenhold-Knauf, die als Vorsitzende des Künstlerinnenforums Bielefeld OWL am Stand der VDIG Arbeiten von drei heimischen Künstlerinnen präsentierte. Es gibt über ihren Kontakt zu SI-PO-Geschäftsführer Peter Schmitz erste Überlegungen, zum Weltfrauentag am 8. März 2025 in Prato eine Ausstellung mit Arbeiten von jeweils drei Künstlerinnen aus Bielefeld und Prato im Sala Biagi zu zeigen. Die Schau könnte später auch in Bielefeld präsentiert werden.

Zum Schluss ein paar Sätze zur Gastgeberstadt Prato, rund 40 Kilometer nördlich von Florenz gelegen. Ein Bezug zu Bielefeld: Während bei uns die Bedeutung der Textilindustrie nach und nach abgenommen hat, ist Prato immer noch eine blühende Textilstadt. Bereits im Mittelalter war sie ein bedeutender Handelsplatz mit Wolltextilien, was durch die verkehrsgünstige Lage an der Via Cassia Clodia begünstigt wurde. Daher ziert auch das Denkmal des „Kaufmanns von Prato“, Francesco Datini, die Piazza del Comune.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Prato als „Lumpenstadt“ bekannt, da man weltweit Alttextilien aufkaufte und wieder aufbereitete: Recycling schon zu einer Zeit, in der dieser Begriff – zum Beispiel in Deutschland – noch so gut wie unbekannt war. In den ersten Nachkriegsjahren schrieb der in Prato geborene Schriftsteller und Journalist Curzio Malaparte: „In Prato endet die Geschichte Italiens und Europas. Alles in Prato, alles in Lumpen.“ Durch ihren Fleiß und ihre Erfahrung mit Wolltextilien haben die Stadtbewohner ihren Reichtum begründet. „Nennen sie sie nicht Lumpen, sie sind viel mehr!“ sei ihr Motto.

In den 1960er und 1970er Jahren kam es zu einem beinah explosionsartigen Wachstum wegen der prosperierenden Textilindustrie. Vor allem durch die arbeitsuchenden Zuwanderer aus den südlichen Regionen Italiens verdoppelte sich die Zahl der Einwohner.

Ab den 1990er Jahren kam es zu einem erneuten sehr starken Zuwanderungsstrom, vor allem aus China. Mittlerweile dominieren chinesische Firmen weite Teile der Textilindustrie. Heute leben rund 30.000 chinesische Einwohner in der Stadt. Im Straßenbild des historischen Stadtkerns sieht man sie kaum. Sie separieren sich in einer Art Chinatown an der Peripherie.

Wie im Textilmuseum, dem Museo del Tessuto, eindrucksvoll dokumentiert wird, steht Prato mit seinen vielen chinesischen Firmen heute sicherlich an einem Scheidepunkt: Will man Luxus produzieren oder billige Massenware? Die Entscheidung wird maßgeblich sein für die Zukunft der Stadt.

Ein Besuch Pratos ist auf jeden Fall empfehlenswert. Eine quirlige Altstadt, wunderschöne Kirchen, aus denen der Dom mit der von dem Bildhauer Donatello geschaffenen Außenkanzel herausragt. Neben dem Museo del Tessuto ist das Zentrum Museo Pecci ein weiteres Glanzlicht. Ein imposantes Gebäude in Form eines Ufos mit der Antenne zum Weltall, geschickt integriert in die alte Industrie-Architektur. In dem Zentrum findet nicht nur die moderne Kunst ihren Raum, es gibt auch übergreifende Kulturveranstaltungen, vor allem mit Jugendlichen der Stadt.

Insomma: bravissimo Prato, bravissimo Si-Po!

Carola Matheisen